Schulreform – Massiver Widerstand führt zum Teilerfolg

Veröffentlich am 17. Januar 2009  

goetsch15109In dem veröffentlichten 5. Schulbrief kündigt die Schulbehörde an, dass die Schüler der derzeitigen 3. Klassen der Grundschulen nun doch regulär in die 5. Klassen der weiterführenden Schulen gehen dürfen. Damit wird die Einführung der Primarschule für die dritten Klassen praktisch um ein Jahr verschoben. Schulsenatorin Goetsch beugt sich der massiven Kritik der letzten Wochen.
Ab dem Schuljahr 2010 / 2011 wird es für die jetzigen Drittklässler beide Systeme parallel geben: das alte mit der vierjährigen Grundschule und das neue mit der Primarschule. Die Eltern der Drittklässler haben letztmalig die Wahl zwischen Stadtteilschule, Gymnasium oder Primarschule.
Damit entstehen weitere Probleme. Denn niemand kann heute sagen, wie viele Eltern ihre Kinder auf eine Primarschule schicken wollen – und wie viele das alte System bevorzugen. Völlig unklar ist somit auch, wie viele und welche Schulen sich schon 2010 umstellen oder eben noch ein Jahr nach dem alten System weiterarbeiten.
Fest steht nun, dass 2011 alle Fünftklässler Primarschüler sind. Die Wahlfreiheit der Eltern gilt dann nicht mehr – das betrifft auch die Schüler, die heute die zweiten Klassen besuchen.

Ich freue mich mit den fast 15.000 Drittklässlern, dass sie ab dem kommenden Schuljahr nun nicht zu Versuchskaninchen werden. Aber die Probleme der Primarschule sind durch die Verschiebung nicht gelöst worden – sie sind nur aufgeschoben. In allen 22 regionalen Schulentwicklungskonferenzen wurde deutlich, dass an ca. 80 % der Grundschulen ein erheblicher Raummangel besteht. Da die Schulbehörde möglichst wenig Geld ausgeben will um die nötigen Ausbauten der Schulen zu finanzieren, müssen die Primarschulen nach Klasse drei geteilt und an einem anderen Standort weitergeführt werden. Das wäre ein erheblicher Nachteil zur jetzigen vierjährigen Grundschule.

Alle regionale Schulentwicklungskonferenzen befassen sich bislang ausschließlich mit der Raumplanung. Über die Bildungsangebote, Unterricht und Pädagogik der Schulen wird dagegen nicht diskutiert. Eine vernünftige Schulplanung ist so nicht möglich.

Unsere Forderungen:
1. Primarschule von Klasse 0 – 6 an einem Standort. Grundschüler lernen am besten vor Ort ohne zusätzliche Raum- oder Standortwechsel. Schüler und Stadtteile brauchen deshalb in der Nachbarschaft vollwertige Schulen mit eigener Schulleitung.
2. Der Fremdsprachenunterricht in den Klassen 5 und 6 muss ohne Einschränkungen in Qualität und Quantität erhalten bleiben und in der gesamten Primarstufe verbessert werden.
3. Zur Chancengleichheit für Risikoschüler müssen wirksame Konzepte erarbeitet werden, insbesondere die Einrichtung von Förderkursen.
4. Die Wahl einer Primarschule darf nicht zur Vorentscheidung über die weiterführende Schule werden. Wir sind daher gegen die Verzahnung von Primarschulen mit Gymnasien.

Frau Goetsch stoppen Sie endlich diese Schulreform!

Veröffentlich am 2. Januar 2009  

frank-horchDie Wirtschaft rechnet mit dem Senat ab

Jedes Jahr kurz vor dem Jahreswechsel lädt die Handelskammer zur „Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg” und zieht ihre Bilanz der vergangenen zwölf Monate. Auch dieses Mal nahm Handelskammer-Präses Frank Horch vor den 2400 geladenen Gästen kein Blatt vor den Mund.
Die Hamburger Handelskammer lehnt sich gegen die Bildungsreform des Hamburger Senats auf. Bei der “Versammlung eines Ehrbaren Kaufmanns zu Hamburg”, dem traditionellen Jahresrückblick der Wirtschaft in der Hansestadt sparte der Präses der Handelskammer, Frank Horch, nicht mit Kritik an dem Reformpaket der grünen Bildungssenatorin Christa Goetsch.
Die Auseinandersetzung um die Primarschule lenke die Kräfte von der erforderlichen Qualitätsdiskussion über die Hamburger Bildung ab. “Wir lösen die Probleme an unseren Schulen nicht dadurch, dass wir sie dauernd in neue Strukturreformen schicken”, sagte Horch in seiner eineinhalbstündigen Jahresschlussansprache.
Unter großer Zustimmung der 2400 geladenen Gäste, darunter Kaufleute, Vertreter des öffentliche Lebens und fast der gesamte Senat, forderte Horch im Börsensaal der Handelskammer, zum ursprünglich vorgesehenen Zwei-Säulen-Modell von Stadtteilschule und Gymnasium und damit zu den Empfehlungen der EnqueteKommission zurückzukehren.

Keine Kompromisse auf dem Rücken der Kinder

Die geplante Umstellung auf die sechsjährige Grundschule bezeichnete der Handelskammerchef als einen Kompromiss, der aus der Not der Koalitionsbildung heraus bei gegensätzlichen Positionen von CDU und GAL geboren wurde. “Schule ist aber viel zu wichtig, als dass man auf dem Rücken unserer Kinder derartige Kompromisse durchsetzt.” Für den Satz erntete Horch lang anhaltenden Applaus aus der Kaufmannschaft.

Dem ist nichts hinzuzufügen!

Schwarz-Grüne Schulreform: Risiken für Hamburgs Schüler

Veröffentlich am 15. Dezember 2008  

bildungsplakatIn den nächsten Wochen und Monaten sollen Weichen für eine Schulreform gestellt werden. Laut schwarz-grünen Koalitionsvertrags wird die so genannte Primarschule eingeführt, das heißt alle Kinder besuchen bis zur 6.Klasse eine gemeinsame Schule. Weiterführende Schulen ab Klasse 7 sollen dann das Gymnasium und die Stadtteilschule sein.

Die Risiken und Probleme bei der Einführung der Primarschule werden von der Schulbehörde verschwiegen. Stattdessen werden Lehrer, Eltern und Schüler falsch informiert. So wird der Eindruck erweckt, wissenschaftliche Untersuchungen sowie andere Länder würden die Vorteile der Primarschule beweisen. Das ist eine bewusste Täuschung. Es gibt überhaupt keine wissenschaftliche Untersuchung, die die Vorteile der Primarschule erwiesen hätte. Und die Nachbarländer haben andere Schulsysteme. Zudem haben Wissenschaftler und Schulexperten noch vor zwei Jahren die Idee der Primarschule im Rahmen der Enquete-Kommission der Hamburger Bürgerschaft zu den Akten gelegt. Die heutige Schulsenatorin Christa Goetsch war damals selbst nicht dafür.

Gleichzeitig soll das Elternwahlrecht abgeschafft werden. Das heißt, Eltern sollen künftig bei der Wahl der weiterführenden Schule kein Mitspracherecht mehr haben.

Bis Mai 2009 tagen die regionalen Schulkonferenzen in denen Schulleitung, Lehrer, Eltern und Schüler die Reformen begleiten und Vorschläge erarbeiten sollen. Doch bisher geht es dort vorrangig um die räumliche Verschiebung von Schulklassen. So sollen die Klassen 5 und 6 von den weiterführenden Schulen in die Grundschulen, später Primarschulen, verlagert werden. Zudem sollen Haupt- und Realschulen sowie Gesamtschulen zu neuen Stadtteilschulen mit einer eigenen Oberstufe zusammengeführt werden. Bei der Suche nach Lösungen werden die Mitglieder von der Behörde gedrängt, möglichst „preiswerte“ Lösungen ohne Neubauten zu akzeptieren. Im Ergebnis werden daher die Primarschulen künftig häufig zwei unterschiedliche Standorte haben. Dabei wird deutlich: Hier steht nicht das Wohl der Kinder im Mittelpunkt, sondern das Budget der Schulbehörde.

Den Vorschlägen von Senatorin Goetsch, die Klasse 1 bis 3 und 4 bis 6 der geplanten Primarschulen auf zwei Standorte zu verteilen, erteilt die SPD eine klare Absage. Wir brauchen keine Patchwork-Schulen. Es ist unsinnig, wenn Schüler zukünftig gleich zweimal die Schule wechseln müssen. Das wäre eine klare Verschlechterung gegenüber der heutigen Situation. Wenn der Platz nicht ausreicht, muss die Behörde vor Ort neue Räume schaffen, statt Schüler und Lehrer auf Wanderung zu schicken. Das Prinzip „kurze Beine – kurze Wege“ muss auch für die Primarschule gelten.

Die SPD ist für individualisiertes Lernen entsprechend der unterschiedlichen Begabungen, besondere Angebote für Kinder aus Einwandererfamilien, für Risikoschüler oder auch für Hochbegabte. Wir fordern zudem, dass das bisherige Unterrichtsangebot der weiterführenden Schulen in den Klassen 5 und 6 nicht eingeschränkt, sondern verbessert wird. Die Schulbehörde scheint nicht einmal darüber nachgedacht zu haben, wie das geschehen kann. Es besteht die große Gefahr, dass die bisherigen Angebote in den Klassen 5 und 6 beispielsweise in den Bereichen Musik, Sport, humanistische Bildung oder Fremdsprachen schlicht unter die Räder kommen.

Risiken der Schulreform

Reformen dürfen nicht um ihrer selbst willen durchgeführt werden. Die SPD warnt:
1. Um Geld für Neubauten zu sparen, schlug Senatorin Goetsch vor, die Klassen 1 bis 3 und 4 bis 6 der geplanten Primarschulen auf zwei Standorte zu verteilen. Dies allerdings bedeutet eine Verschlechterung gegenüber der heutigen Situation: Ist die Primarschule an zwei unterschiedlichen Standorten, wird den Kindern ein zusätzlicher Wechsel (nach Klasse3) zugemutet.
2. Zu wenig Kraft wird in die Entwicklung der Stadtteilschulen gesteckt. Doch gerade diese sind wichtig für die Reduzierung des Schulabgängeranteils ohne Abschluss.
3. Die Wahl der Primarschule darf nicht zur Vorentscheidung über die weiterführende Schule werden. Deshalb sollen die Primarschulen im Kern ein gleichwertiges Angebot bieten. Primarschulen dürfen daher nicht an Gymnasien angegliedert werden. Damit würde die Trennung der Schülerschaft schon in die Grundschule verlagert werden. Das Schulsystem darf im Grund- bez. Primarschulbereich nicht zersplittert werden.

Allgemein scheint zu viel Kraft in Strukturveränderungen gesteckt zu werden und zu wenig in inhaltliche Verbesserung des Unterrichts.

Anforderungen an die Schulreform

Schulreformen müssen zu einem besseren Schulsystem führen. Die SPD fordert daher:

1. Die Zahl der Risikoschüler muss deutlich verringert werden. Wir fordern im ersten Schritt eine Halbierung der Schulabbrecher-Quote (im Schuljahr 2006/2007 verließen 11,09 % der Schülerinnen und Schüler in Hamburg die Schule ohne Abschluss).
2. Leistungsstarke müssen besser gefördert werden: Die Zahl der Abiturienten muss deutlich erhöht werden. Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler werden zu wenig gefördert – auch das zeigt uns die PISA-Studie für Hamburg.
3. Profilangebote ab Klasse 5, wie sie zurzeit an vielen weiterführenden Schulen existieren (z.B. Musikförderung, Sportförderung, altsprachliche Bildung oder bilinguale Angebote an vielen Schulen), müssen erhalten bleiben oder adäquat ersetzt werden. Der Fremdsprachenunterricht in den Klassen 5 (englisch, zum Teil zweite Fremdsprache) und 6 bez. 7 (zweite Fremdsprache) muss ohne Einschränkungen in Qualität und Quantität erhalten bleiben und in der gesamten Primarstufe verbessert werden.
4. Gleichzeitig müssen Risikoschülerinnen und –schüler besser gefördert werden. Aus diesem Grund fordern wir Konzepte zur Chancengleichheit, insbesondere die Einrichtung von Förderkursen, entsprechende Unterrichtskonzepte, aber auch Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter zur Förderung der Elternmitarbeit.

Die Qualität der schulischen Bildung muss auf allen Ebenen verbessert werden!

Hamburg liegt beim PISA-Bundesländervergleich auf dem vorletzten Platz

Veröffentlich am 20. November 2008  

Die Ergebnisse der Ergänzungsstudie PISA-E zum internationalen PISA-Test sind für Hamburg erneut katastrophal ausgefallen. Getestet wurden die 15-jährigen Schülerinnen und Schüler in den Bereichen Mathematik, Lesekompetenz und Naturwissenschaften. Im bundesdeutschen Vergleich landet Hamburg in allen drei Bereichen auf dem 15. Platz. Nur Bremen schneidet noch schlechter ab. Der Leistungsunterschied zum besten Bundesland Sachsen beträgt zwei komplette Schuljahre!

Die Ergebnisse von PISA-E zeigen, dass es in Hamburg wieder nicht gelungen ist, die Zahl der so genannten Risikoschüler zu verringern. 25 bis 30 Prozent der Hamburger Schüler verlassen die Schule mit einem schlechten oder ohne einen Abschluss. Das ist das zentrale Problem der Hamburger Schulpolitik. Aber statt dieses Problem anzupacken, verschwendet Schulsenatorin Goetsch Zeit, Geld und Arbeitskraft mit dem Experiment der Primarschule.

Bei den zur Zeit laufenden regionalen Schulentwicklungskonferenzen geht es nur um Schulstandorte, nicht um bessere Bildung für unsere Kinder. Kaum eine Grundschule in Hamburg ist groß genug, um Primarschule zu werden. Das bedeutet, viele Grundschulen werden zerschlagen oder geteilt. Dabei zeigt PISA-E auch, dass die erfolgreichsten Bundesländer keine Primarschule haben.

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